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Cyborgs - Heilung, Human Enhancement oder gar beides?

12
Jan

Cyborgs – Heilung, Human Enhancement oder gar beides?

Science Fiction ist ein aus Film und Literatur nicht wegzudenkendes Genre, das unserer realen Welt seit seiner Existenz weit voraus ist. Ob es um Robotik, Künstliche Intelligenz oder – einmal etwas weiter vorne begonnen – um die Raumfahrt geht. Bereits 1865 veröffentlichte Jules Verne seinen Roman „De la Terre a la Lune“ (deutsch: „Von der Erde zum Mond“) – fast 100 Jahre, bevor Sputnik es schaffte, die Erde zu umkreisen. Unsere Generation durfte miterleben, wie aus Science Fiction mit immer größerem Tempo Realität wurde – Handys, Tablets, Videotelefonie, Hologramme, selbststeuernde Autos, Hoverboards, 3D-Drucker – all dies und unzählige weitere Beispiele, die heutzutage teilweise nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken sind, tauchten zunächst in Sci-Fi Romanen oder Filmen auf.

Quelle: Know Your Mobile

All die genannten Dinge dienen uns Menschen – wir kontrollieren sie, oder zumindest nehmen wir das an. Auftritt KI – Künstliche Intelligenz ist ein beliebtes Thema der Bücher- und Filmemacher, denn wir erleben sie als ebenbürtiges bzw. überlegenes Pendant zu unserer Intelligenz. Plötzlich heißt es nicht mehr Maschine für Mensch sondern Maschine gegen Mensch. Gleiches gilt für Roboter – idealerweise KI-basiert. Roboter können uns ungeliebte Tätigkeiten abnehmen oder arbeitslos machen, KI kann uns das Denken erleichtern oder uns manipulieren. Dass gerade von KI eine reale Gefahr ausgeht, warnen einige der klügsten Köpfe dieser Welt, wie Prof. Stephen Hawking oder Elon Musk, die KI als eine der größten Bedrohungen des nächsten Jahrhunderts ansehen.

Gehen wir den letzten Schritt, der es für uns Menschen nun so richtig unangenehm, gruselig und unvorstellbar macht – Mensch und Maschine vereint – der Cyborg.
Denken wir zurück an unsere Filme und Bücher, fallen uns ein paar ein wie etwa Robocop, der seit 25 Jahren Kultstatus besitzt, jedoch nicht übertroffen von meinem all-time-favourite Cyborg, Darth Vader. Ob gut oder böse – sie alle sind uns nicht ganz koscher, stehen sie doch alle im Sci-Fi für eine Art unnatürliche Makellosigkeit, Kraft und Unverwundbarkeit. Das Ganze übersetzt unsere Fantasie, wenn wir uns mit einer realen Version eines Cyborgs auseinandersetzen sollen, gerne schnell in „ferngesteuert“, oder gar „Soldat“. Denn ob die Verschmelzung von Lebewesen und Technik als Chance oder Bedrohung gesehen wird, hängt mitunter von der Frage ab, wer dabei eigentlich von wem Besitz ergreift: der Mensch von der Maschine oder umgekehrt? Doch wenn ich mich umschaue und es etwas salopp formuliere, frage ich mich: Macht es tatsächlich einen Unterschied, ob wir unser Smartphone den ganzen Tag in der Hand haben oder es auf welche Weise auch immer dauerhaft mit unserem Körper verbunden ist – und wer kontrolliert hier eigentlich wen?

Quelle: Alphacoders

Aber mal zu Fakten und Begrifflichkeiten: Ein Cyborg (von engl. „cybernetic organism“) ist ein Lebewesen, das technisch ergänzt oder erweitert ist. Damit ist er eine Ausprägung des Human Enhancement. Dieses dient der Vermehrung menschlicher Möglichkeiten sowie der Steigerung menschlicher Leistungsfähigkeit und somit – aus Sicht der Betroffenen und Anhänger – der Verbesserung und Optimierung des Menschen. Es gibt sowohl menschliche als auch tierische Cyborgs. Die Bewegung des Transhumanismus, von der in diesem Zusammenhang häufig die Rede ist, propagiert die selbstbestimmte Weiterentwicklung des Menschen oder die fremdbestimmte Weiterentwicklung von Tieren mithilfe wissenschaftlicher und technischer Mittel.

2015 gaben Forscher der Duke University in North Carolina einer Ratte die Fähigkeit, Infrarotlicht wahrzunehmen – geboren war die Cyborg-Ratte. Das Team um Miguel Nicolelis implantierte dem Nager drei Stimulationselektroden in den somatosensorischen Kortex, jenen Teil der Hirnrinde, der Berührungen verarbeitet. Jede Elektrode war an einen Infrarotsensor auf dem Kopf der Ratte gekoppelt. Gemeinsam deckten die drei Sensoren alle Richtungen ab. Wie von einem dritten Auge, das Infrarotlicht einfängt, erhielt das Gehirn der Ratte völlig neue Sinnesdaten. Im „Journal of Neuroscience“ berichteten die Wissenschaftler, dass die Cyborg-Ratte nach nur vier Tagen Training tatsächlich begonnen hatte, Infrarotlampen in ihrem Käfig zu erkennen, mit deren Hilfe sie versteckte Leckerlis entdeckte. Ihr Gehirn hatte offensichtlich gelernt, die neuen Sinnesdaten zu interpretieren. Dass diese Fähigkeit des Rattenhirns nicht auf den Berührungskortex beschränkt ist, bewies eine zweite Ratte. Ihr hatte Nicolelis᾽ Team die Elektroden in den Sehkortex eingepflanzt. Auch sie lernte, Infrarot-Impulse zu erkennen – sogar innerhalb eines Tages und scheinbar ohne Einschränkung ihrer Sehfähigkeit.

Für die Wissenschaft wirft diese Forschung nicht nur neues Licht auf die Arbeitsweise des Nervensystems: Heutige Roboter sind trotz aller Fortschritte in der KI nach wie vor schwerfällig und unflexibel. Ließe sich jedoch ein Zwitter aus Roboter und Tier erschaffen, könnte das Wesen erledigen, was heute weder Roboter noch Tier allein gelingt. Die Biobots könnten radioaktiv verseuchte Gebäude erkunden, von Erdbeben verschüttete Menschen suchen oder in Anti-Terror-Einsätzen die Wohnungen mutmaßlicher Täter inspizieren.

Quelle: Pinterest

Auch wenn wir uns die Entwicklung menschlicher Cyborgs ansehen, stellen wir fest, dass das Ganze bereits viel weiter fortgeschritten ist als uns bewusst war:

In den vergangenen Jahren hat sich eine weltweite, rasant wachsende Szene aus Forschern, Künstlern und Hackern gebildet, die nach Verschmelzungsmöglichkeiten suchen.

Forscher in San Diego und Lausanne haben eine Kontaktlinse mit Zoom entwickelt, die dem Träger ermöglicht, durch ein simples Augenzwinkern die Brennweite zu verändern.

Ein Mann aus Helsinki, der bei einem Motorradunfall einen Teil seines Ringfingers verlor, entschied sich einen USB-Stick statt einer herkömmlichen Prothese auf den Stumpf zu setzen. Sein Finger verfügt nun über zwei Gigabyte Speicherplatz.

Quelle: South China Morning Post

Aber es geht noch komplexer –

Scott Cohen ist der Erfinder von The North Sense. Das Besondere an ihm ist, dass er ein Gerät mit Titan-Antennen an seiner Brust verankert hat, das brummt, wenn es nach Norden ausgerichtet ist. Ein menschlicher Kompass. Sein Ziel ist, das Gehirn so weit zu trainieren, dass es stets seine Position auf dem Planeten bestimmen kann.

Moon Ribas, ein alter Hase in der Szene und Mitgründerin der The Cyborg Foundation, trägt einen vibrierenden Sensor in ihrem Ellbogen, mit dem sie Erdbeben in Echtzeit spüren kann – überall auf der Welt.

Im ersten Augenblick mögen uns die ein oder anderen Entwicklungen dieser Art ein skeptisches Schmunzeln ins Gesicht treiben, doch steckt viel mehr dahinter als eine Nerd-Spielerei. Nehmen wir uns Neil Harbisson zum Beispiel – ein Star der Szene, erster offiziell anerkannter Cyborg, der sich selbst als Eyeborg bezeichnet. Der Brite ist von Geburt an farbenblind und sah entsprechend nur Grautöne. Sich damit nicht zufrieden gebend, ließ er sich einen Chip in den Hinterkopf setzen. Dieser empfängt Signale von einem Farbsensor, der antennenartig vor Harbissons Stirn angebracht ist. Der Chip wandelt Farben in Töne um. Rot wird zu einem tiefen F. Orange zu Fis, Gelb zu G, Hellgrün zu Gis. Und so weiter. Zuerst hat es Neil Harbisson angestrengt – er hörte einen Ton und musste sich erinnern, welche Farbe dieser bedeutete. Nach ein paar Monaten funktionierte die Übersetzung jedoch automatisch und er hörte sogar im Schlaf Farben. Seiter weiter an seinem Gerät schraubte, hört er nun auch Infrarot – zum Beispiel, wenn jemand mit einer Fernbedienung auf ihn zeigt. Auch Ultraviolett wird ihm angezeigt.

Quelle: Bird in Flight

Um dieses Feld, das so viele fast unvorstellbare Möglichkeiten in sich birgt, einmal genauer zu betrachten, dürfen wir im März auf der XPOMET© Enno Park zu einer Bestandsaufnahme begrüßen. Park ist Vorsitzender sowie Mitgründer des Verbands Cyborg e.V. und selbst Cyborg:

Seit seinem 17. Lebensjahr war Enno Park praktisch taub – als Spätfolge einer Masernerkrankung. Dank des „Cochlear Nucleus N5“, das ihm im Berliner Virchow-Klinikum implantiert wurde, kann er nun wieder fast so gut hören wie ein gesunder Mensch. Um das möglich zu machen, wurden direkt hinter seinen Ohren jeweils ein Stück Schädelknochen weggefräst und Kanäle durch den Knochen in Richtung Innenohr gebohrt. In diese führten die Ärzte feine Drähte ein, an dessen Enden sich winzige Elektroden befinden, die seitdem Parks Hörnerven reizen.

Die Gewöhnungsphase dauerte Monate und erforderte mehrfache Nachjustierungen. Inzwischen kann er sich in der Kneipe, trotz Geraune am Nebentisch oder Musik, problemlos unterhalten – mit einem Hörgerät undenkbar. Dies hätte auch Park nicht für möglich gehalten, begründete aber auch den Gedanken: Warum damit zufrieden sein? Warum nicht alle Möglichkeiten des Implantats ausnutzen und Dinge wahrnehmen, die außerhalb des begrenzten menschlichen Frequenzbereichs liegen? Zum Beispiel Ultraschall!

Seine Versuche in diese Richtung waren bisher allerdings nicht erfolgreich. Um sein Implantat zu tunen, müsste er es umprogrammieren. Sollte das schief gehen, ist sich Park sicher, würde ihm die Krankenkasse keinen Ersatz zur Verfügung stellen. Immerhin kostet das Implantat 30.000 Euro.

Aber ob nun mit oder ohne Hack, ob Sinneserweiterung oder die Rückgewinnung von verschiedenster Funktionen – die Chancen die hier auf uns zukommen sind schwer zu greifen, so groß sind sie.

Vor einigen Jahren hatte der 26-jährige Brite James Young einen tragischen Unfall: Er wurde von einem Zug erfasst und verlor dabei seinen linken Arm und einen Teil seines linken Beins. Es folgten Wochen im Koma und zwölf Operationen, um seinen Körper und sein Gesicht zu rekonstruieren. Vor einem Jahr bekam er dann durch einen Zufall die Möglichkeit, Träger eines Cyborg-Arms, also einer bionischen Prothese, zu werden, was sein Leben komplett veränderte. Nicht nur die unvergleichliche Funktionalität im Vergleich mit normalen Prothesen erhöht hier die Lebensqualität, auch das Design und ein paar Science-Fiction-Film-Gadges, wie eine im Arm verbaute Drohne, die Young per Knopfdruck starten lassen kann, wirken als Eisbrecher und nicht als Stigma.

Das Vorbild zu Youngs Prothese kommt übrigens aus einem Videospiel. Und wenn Sie bei dem Foto nun an den Terminator denken, muss ich Sie leider enttäuschen – der Terminator war nach Definition kein Cyborg – James Young schon.

Quelle: Dailymail

Passende XPOMET© Sessions zu diesem Thema:

Enno ParkZwischen Heilung, Reparatur und Enhancement – der Patient als Cyborg – 23. März 2018

Prof. Dr. Thomas LenarzGehörimplantate – Perspektiven – 22. März 2018

Prof. Dr.-Ing. Thomas StieglitzWenn Technik den Nerv trifft: Intelligente Implantate in neurologischer Therapie und Rehabilitation – 22. März 2018

Text: Josefine Hofmann – XPOMET© Convention Director

Quelle Titelbild: Dailymail

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