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Nutzennachweis für digitale Versorgungslösungen: Ein deutsches Problemkind.

14
Feb

Nutzennachweis für digitale Versorgungslösungen: Ein deutsches Problemkind

von Dr. Alexander Schachinger, Berlin

Krankenversicherungen wie auch Hersteller und Versorger beschäftigen sich erst seit Kurzem mit neuen digitalen Versorgungslösungen. Wie genau und ob überhaupt eine digitale Anwendung beim Patient wirkt, wird zwar von allen als Nachweis verlangt, jedoch handlungspraktisch weder thematisiert noch ist das relevante Wissen dazu vorhanden. Die Debatte erscheint vielen Außenstehenden wirklichkeitsfremd. Der Fokus für digitale Evidenz muss geschärft werden und damit in Richtung der letzten digitalen Meile zum Patient. Der Planung und der praktischen Umsetzung fehlen in der Regel noch Fakten und Evidenz.

Darüber hinaus steht das Gesundheitssystem vor dem Dilemma zweier nicht miteinander vernetzter Welten: dem traditionellen Gesundheitssystem auf der einen Seite gegenüber tausenden von Webseiten, Apps und Startups auf der anderen Seite. In Deutschland fehlt es an unabhängigen, schlanken Evaluationspiloten, welche die direkte Verknüpfung „Digital und Regelversorgung“ durchspielen. Es ist zu vermuten, dass die kommenden Jahre geprägt werden von einer Phase des „Try and Error“ mit nur langsam wachsender Evidenz. Umso entscheidender ist die Nutzung international vorliegender Erkenntnisse, welche bei diesem Thema gegenüber Deutschland drei bis sechs Jahre weiter sind. Forschungsthemen in der digitalen Versorgungsforschung sind beispielsweise digitale Adhärenz, digitale Patientenzielgruppen, die Online-Gesundheitsakte, Design- und Evaluationsmethoden, mobile Diagnostik sowie die Integration digitaler Interventionen in die Regelversorgung.

Mit diesem Thema beschäftigt sich XPOMET© Speaker und Beirat Dr. Alexander Schachinger mit seinem Team der EPatient RSD GmbH. Kern ist die Analyse des digitalen Gesundheitsmarkts, um Patientenstrategien und Versorgungsansätze für die digitalen Endgeräte von Bürgern und Patienten zu entwickeln. Dafür erheben sie jedes Jahr einen Report, um das Thema Evidenz näher zu beleuchten (siehe auch www.dgm-report.de ).

Doch wie lässt sich Evidenz messen? Ein Beispiel: Vor weniger als einem Jahr schrieben Digital Health Forscher in den Niederlanden drei Patientengruppen unterschiedlich intensiv in DMP-ähnliche Versorgungsprogramme ein. Die drei Gruppen unterschieden sich bei gleicher medizinischer Versorgung lediglich in der Intensität, wie häufig und eingehend der Arzt und die ArzthelferInnen den Patienten ein Online-Coaching Programm für ihre Tabletes oder Smartphones zugeschnitten auf ihre Therapie von Mensch zu Mensch erklärten. Die in der globalen Forschung leider sehr bekannten hohen Abbruchraten von digitalen Therapieanwendungen über die Zeit (in der Regel über 90 Prozent nach wenigen Wochen) verbesserten sich in den betreuungsintensiveren Patientengruppen bis zu Faktor 5 (siehe Abb. 1). Und erst dann, wenn eine digitale Coaching-Anwendung überhaupt aktiv genutzt wird, kann sie verhaltensändernd und unterstützend im Sinne der Medienwirkungsforschung überhaupt erst wirken.

Abbruchraten der drei Patientengruppen mit unterschiedlicher Hilfestellung von med. Fachpersonal über die Zeit – dunkelblaue Linke mit stärkerer Hilfestellung beim Online-Programm.

Credit:Talboom-Kamp et al: J Med Internet Res 2017;19(5):e185

Dieses Studienbeispiel aus dem Bereich „Integration digitaler Versorgungslösungen in der Regelversorgung“ verdeutlicht einen von mehreren Schachingers Ansicht nach hochrelevanten Forschungsfelder innerhalb der Evaluation digitaler Versorgungslösungen. Im Winter 2017/2018 machte sich ein 5-Frau/Mann-Team der EPatient RSD die Arbeit und kartographierte diesen Forschungsbereich erstmalig für Deutschland (siehe Abb. 2).

Synopsis von Forschungsthemen im Digital Health Segment

Credit: EPatient RSD GmbH, 2017

Ein Beispiel für existierende Problemfelder: Muss es immer eine randomisierte Kontrollstudie für 1 Mio. Euro und 4 Jahre Laufzeit sein? Geht’s noch?

Für die Evaluation digitaler Interventionen sind die klassischen klinischen (RCT-)Studien häufig zu unflexibel und zu teuer, um die Effekte einer app- oder webbasierten Anwendung hinreichend zu evaluieren. In den letzten Jahren entstanden daher alternative Methoden, um Interventionen flexibler und einfacher gestalten und evaluieren zu können.

Bei diese neu aufkommenden bzw. aus artverwandten Wissenschaften entliehenen Methoden werden die Interventionen dazu in einzelne Teilstücke (sogenannte Module) zerlegt, die einzeln evaluiert werden (bspw. Content, Reminder, Videos). So werden Module bereits in der laufenden Intervention auf ihre Wirkung und Akzeptanz hin getestet. Dadurch ist es möglich, die Intervention kurzfristig anzupassen und bessere Ergebnisse zu erzielen. Bei den Methoden wird zwischen der Aufbauphase (z.B. durch das Agile Science Modell) und der Evaluierungsphase (z.B. durch SMART-Studien) unterschieden[2].

Auf der XPOMET© wird Dr. Alexander Schachinger dieses Thema, das mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens immer relevanter werden wird, in seinem Vortrag “Evidenz von Digital Healthcare” beleuchten sowie die vielen weiteren damit verbundenen Themen.

 

Quelle Titelbild: http://epatient-rsd.com/

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