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XPOMET© Blog: Speaker Edition

25
Sep

Vom Werden und Wirken der Blockchain

Vom Werden und Wirken der Blockchain
Ein Ende des Hypes um Blockchains und Smart Contracts ist nicht abzusehen. Informationstechnisch betrachtet stehen wir dabei noch ganz am Anfang. Dennoch oder gerade deswegen reißt die Kette immer neuer Einsatzvorschläge oder Anwendungsmodelle für die Blockchain nicht ab; Ideen aus den verschiedensten Bereichen von Industrie und Gesellschaft scheinen nur auf genau diese Initialzündung für ihre Umsetzung gewartet zu haben. Eine konkrete Bewertung, was gegenwärtig oder in absehbarer Zukunft machbar und umsetzbar ist, fällt dagegen noch schwer. Eine objektive Definition, wofür das Konzept der Blockchain steht, was ihre Vorteile und Perspektiven sind, steht noch aus.

von Prof. Dr. Hans-Hermann Dirksen, Frankfurt am Main

Worum handelt es sich bei der Blockchain?
Die Blockchain ist eine neue Technologie für die transparente, anonyme und fälschungssichere Übertragung und Verifizierung von Daten. Die Blöcke einer Datenbank erhalten neben einer oder mehreren Transaktionen auch eine Zusammenfassung aller vorherigen Blöcke in Form eines sogenannten Hash-Werts, also einer Prüfziffer, wie sie z.B. bei der Bildung einer IBAN im Bankenwesen angewandt wird. Dieser Hash-Wert dient als Fälschungssicherung, mit der die Echtheit einer Transaktionskette überprüft werden kann – bei Manipulationsversuchen würde er nicht mehr stimmen.

Ein weiteres Blockchain-Paradigma ist die Gleichberechtigung aller Teilnehmer ohne die Autorität einer zentralen Verwaltungsstelle: Jeder Netzwerkteilnehmer darf neue Einträge zur Blockchain hinzufügen. Seine Einträge sind schreibgeschützt und können im Nachhinein nicht mehr verändert oder entfernt werden, es sei denn, die Mehrheit der Teilnehmer stimmt dem zu – was aber bei der Vielzahl der Teilnehmer fast ausgeschlossen ist. Dass die Anwendungsmöglichkeiten in Zeiten immer neuer Fragen zu Digitalisierung, Datengenerierung, Datenverarbeitung und Datenschutz vielfältig sind, liegt auf der Hand.

In deutschen Krankenhäusern zum Beispiel ist die Weitergabe von Daten immer noch die Ausnahme. Betreibt man Ursachenforschung, stößt man schnell auf das Problem der mangelnden Interoperabilität, zu Deutsch: Zusammenarbeit und Kommunikation über die Sektorengrenzen hinaus funktionieren nicht reibungslos, man spricht verschiedene Sprachen. Das Gebot der Stunde ist also die Schaffung einer technischen Infrastruktur, die allen Teilnehmern zur Verfügung steht und die die Integration verschiedener Bereiche sicherstellt.

Die Blockchain-Technologie leistet genau das. Sie ermöglicht erstmals, digitale Werte nicht nur von einem Ort an einen anderen Ort zu versenden, sondern sie über ein dezentralisiertes Netzwerk so zu transferieren, dass jeder Teilnehmer des Netzwerks zweifelsfrei und anonym feststellen kann, dass dieser Wert valide ist. Die Blockchain steht neben der hohen Fälschungssicherheit daher im besonderen Maße für die Integrität und die Transparenz der dort gespeicherten Daten.

Was sind Smart Contracts?
Das Potential dieser neuen Technologie ist damit jedoch nicht erschöpft: Teilnehmer an der Blockchain-Technologie können in einer weiteren Stufe ihre Systeme durch die Verwendung sogenannter Smart Contracts noch konkreter strukturieren.

Smart Contracts sind automatisch ausführbare Programme, die auf der Blockchain aufbauen und vordefinierte Transaktionsspielregeln im Programmcode abbilden. Eine Transaktion, die über einen Smart Contract läuft, wird automatisch ausgeführt, wenn alle beteiligten Parteien die zuvor definierten Konditionen erfüllen. Dadurch erübrigt sich die Notwendigkeit einer zentralen, zwischengelagerten Instanz insbesondere dann, wenn die beteiligten Parteien sich nicht kennen – und somit wahrscheinlich auch nicht vertrauen – und senkt zudem die Transaktionskosten.

Welche Vorteile hat diese Technologie im Gesundheitswesen?
Für unser Beispiel heißt das konkret: Im Gesundheitswesen kann die Blockchain-Technologie die Prozesse verbessern, indem sie sowohl die Datenintegrität als auch die digitale Identität von Patienten verstärkt. Krankenhäuser können mit der Blockchain fälschungssichere Rezepte ausstellen. Gesundheitsakten sind gegenwärtig nicht miteinander verbunden und werden aufgrund fehlender gemeinsamer Architektur und nicht vorhandener Standards getrennt verwaltet. Und genau daran kann die Blockchain-Technologie anknüpfen: Dienstleister können ihre Patientendatensätze in der Blockchain speichern, sodass alle Daten jederzeit schnell und verlustfrei verfügbar sind. Eine private kryptografische Verschlüsselung ermöglicht den Zugang zu diesen Daten ausschließlich durch den Patienten. Dieser kann entscheiden, wer seine Daten sehen darf.

Aber damit nicht genug. Grundsätzlich kann auch die Bezahlung von Ärzten, Apotheken sowie die Abrechnung der Krankenkassen durch Smart Contracts auf der Blockchain abgewickelt werden. Das könnte allen Beteiligten wesentlichen Zeit- und Kostenaufwand ersparen sowie Abrechnungssysteme fehler- und manipulationsresistenter machen. Das Einsparungspotenzial bei den Transaktionskosten ist enorm.

Im wachsenden zweiten Gesundheitsmarkt sind die Teilnehmer weniger gesetzlich reguliert und bereit, technologische Innovationen zu nutzen. Man kann daher davon ausgehen, dass hier erste Anwendungen der Blockchain-Systeme umgesetzt werden. Die Datenkommunikation zwischen Arzt, Patient, anderen Therapeuten und Krankenkassen könnte direkt über eine Blockchain erfolgen. Auch die Kommunikation und Auswertung von Gesundheitsdaten sowie besonders für Frühwarnsysteme sind mögliche Anwendungen, zum Beispiel bei Patienten mit medizinisch-technischen Geräten, mit denen sie regelmäßig Werte u.a. für Diabetes oder Blutdruck messen. Der Patient erfasst die Einstellungen über sein Device, und die automatisierte Datenüberwachung erfolgt unverzüglich und mit mehr Datensicherheit als bei herkömmlichen Methoden der Datenerfassung und –speicherung.

Vor welchen Schwierigkeiten steht die Umsetzung der Blockchain-Technologie?
Im Gesundheitsbereich hat die Blockchain somit großes Potential, wichtige Ziele im Gesundheitswesen in greifbare Nähe zu bringen. Aber, wie oftmals bei der Markteinführung neuer Technologien, müssen auch hier noch rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen und verifiziert werden: Auch in den genannten Anwendungsfällen hängt die Umsetzung einerseits von Netzwerkeffekten ab, andererseits auch von den beteiligten Interessengruppen und gesetzlichen Vorschriften, die in diesem Bereich erst angepasst werden müssen. Ebenfalls bedürfen die auf der Blockchain gespeicherten Daten eines spezifischen Datenschutzsystems.

Einen Ersatz für Datenbanken stellt die Blockchain im Übrigen nicht dar; sie ist nicht für große Datenmengen ausgelegt. Allerdings können Links in der Blockchain gespeichert werden, die exklusiven Zugriff auf andere verschlüsselte Speicherorte gewähren. Primär ist die Blockchain dafür konzipiert, Transaktionsdaten zu speichern, für welche Transparenz und Fälschungssicherheit das oberste Gebot sind.

Was ist das Fazit?
Eine Blockchain und darauf gespeicherte Smart Contracts können im Geschäftsalltag zukünftig ganz konkret verschiedenste wirtschaftliche und bürokratische Transaktionen um ein vielfaches preiswerter, schneller und sicherer als herkömmliche zentralisierte Client-Server-basierte Informationssysteme gestalten. Wir dürfen gespannt auf die weitere Entwicklung und Adaption dieser zeitgemäßen, faszinierenden Technologie sein und, wenn möglich, daran teilnehmen.

XPOMET© Session am 23. März 2018
Prof. Dr. Hans-Hermann DirksenBlockchain und Smart Contracts im Gesundheitswesen

Text: Prof. Dr. Hans-Hermann Dirksen (attorney-at-law)
LIEBENSTEIN LAW – Kanzlei für Wirtschaftsrecht
HOCHSCHULE FRESENIUS
www.liebenstein-law.de
@Dirksen

2 Responses

  1. Lieber Herr Dierksen,
    Blockchains haben sicherlich technologisches Potential, aber leider ausschließlich auf der Infrastruktur. Die Interoperabilität von medizinischen Daten wird nur durch Verwendung dieser Technologie leider überhaupt nicht hergestellt. Nur weil dann alle Daten „sicher“ und authentisch kommuniziert werden könnten haben wir fast nichts gewonnen, wenn wir uns, speziell in Deutschland nicht endlich darum kümmern, wie die Daten mit medizinischer Semantik standardisiert erweitert werden, damit Sender- und Empfängersysteme diese Daten auch inhaltlich verarbeiten können. Ansonsten bekommen wir auch mit Blockchains lediglich tollen technischen Mist und haben die Welt einmal mehr kompliziert elektrifiziert ohne sie „Digitalisiert“ zu haben!!!

  2. Lieber Herr Ihls,
    ich denke, dass eine ganz erhebliche Interdependenz zwischen den Faktoren Infrastruktur und Interoperabilität besteht.

    Die Blockchain per se stellt keine Patentlösung für eine Datenstandardisierung oder Systemintegration dar, sie bietet aber einen neuen dezentralen Rahmen für die sichere und transparente Integration und den Transfers von Gesundheitsdaten.

    Daher sehe ich für die Blockchain ein erhebliches disruptives Potenzial, um die Ziele des Gesundheitssystems durch die Gestaltung einer solchen einheitlichen Transaktionsinfrastruktur voran zu bringen, die alle Beteiligten sicher nutzen können. Erst wenn eine technische Infrastruktur als Basis für einen sicheren Datenaustausch vorhanden ist, können die Chancen einer Vernetzung überhaupt erst richtig genutzt werden.

    Die Einhaltung von Standards alleine sorgt nicht automatisch für Interoperabilität über Sektorengrenzen hinweg. Dafür bedarf es einer Kooperation der verschiedenen Stakeholder, die ein Protokoll effizient einsetzen und so eine standardisierte Verknüpfung für alle beteiligten Organisationen schaffen könnte. Der Austausch über das IHE-Protokoll könnte ohne weiteres die Basis werden, um den Herausforderungen der Interoperabilität und der Zugriffsmöglichkeiten zu begegnen.

    Ich möchte das so zusammenfassen: Interoperabilität braucht Infrastruktur, genau wie Infrastruktur Interoperabilität benötigt.

    Mit Sicherheit wird es aber nicht einfach, bereits bestehenden Strukturen zukünftig in Blockchain-Prozessen abzubilden, denn gefragt ist ein Umdenken, das gleichzeitig sorgfältig und mutig genug ist, den Vorteilen einer neuen Technologie die Ressourcen zu geben, die es braucht, um wirklichen Fortschritt zu erzielen. In großen und tradierten Strukturen (z.B. öffentlicher Dienst) ist absehbar, dass die Umsetzung nicht einfach wird, da sie nur an bedingt populäre Eigenschaften wie Wille zur Veränderung im Allgemeinen und Eigenverantwortung im Speziellen appelliert.

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